FORSCHUNGSGESCHICHTE

Erste Entdeckungen

Plan des Gerçin Höyük nach Robert Koldewey.

Topographische Karte nach Robert Koldewey (Wartke 2005: 25).

Der Gerçin Höyük blickt auf eine lange Forschungsgeschichte zurück. Ende des 19. Jahrhunderts wurde während der deutschen Ausgrabungen in der eisenzeitlichen Siedlung Sam’al (das moderne Zincirli in Südost-Anatolien) der 7 km nördlich dieser Grabungsstätte gelegene Gerçin Höyük erkundet. Die beiden markanten Kuppen dieses freistehenden Felshügels überragen das umgebende Tal des Karasu und sind daher schon von der Ferne gut sichtbar. Gerçin Höyük liegt ungefähr 80 km westlich der modernen Stadt Gaziantep und unweit der Kreisstadt Islahiye.

Bei der Begehung durch Felix von Luschan wurden 1890 Fragmente von vier Statuen sowie die fast vollständige Kolossalstatue des Wettergottes Hadad gefunden. Die Statue trägt auf ihrem Unterkörper eine Inschrift im semitischen Dialekt von Sam‘al, der zufolge sie vom König der Stadt Sam’al, Panamuwa (840-810 v. Chr.) an dem Ort errichtet wurde, an dem er neben dem Tempel für die Götter von Sam’al auch eine königliche Nekropole erbaute. Gerçin wäre demnach der Sitz einer „kultischen“ Anlage gewesen, mit möglicherweise mehreren Funktionen: als dynastische Gräberstätte, Ahnenkultanlage und Tempelanlage für den Wettergott Hadad und andere Götter von Sam’al (Bonatz 2000; Niehr 1994; 2006). Obwohl schon 1890 Robert Koldewey die Existenz zweier Burgmauern beobachtet, wurde die Existenz einer Siedlung bislang nicht bestätigt.

 

Die enge Abhängigkeit dieses Fundortes zur Hauptstadt Sam’al (Zincirli) ist durch die oben genannte Inschrift und durch die unmittelbare Nähe der beiden Orte belegt. Sie formen eines der wenigen Beispiele für ein eisenzeitliches Siedlungssystem, das den zentralen Ort eines Stadtstaates und ein externes religiöses Zentrum beinhaltet.

Vergleichbar scheint die Situation in Guzana (Tell Halaf), wo sich der Haupttempel des Wettergottes laut der Inschrift auf der Statue des Hadad-Ys’i in dem 2,5 km entfernten Sikani (Tell Fecheriye) befunden haben soll. Dass hierin womöglich ein besonderes Merkmal der eisenzeitlichen Re-urbanisierung des syro-anatolischen Raums zu sehen ist und mithin ein Phänomen aramäischer Religionspolitik, legt der überraschende Befund nahe, dass bislang an keinem der aramäischen Zentren wie Sam’al, Til Barsip, Guzana, Hamath oder Damaskus ein bedeutender Tempel archäologisch nachgewiesen werden konnte.

Die in der Wissenschaft mit vielen offenen Fragen geführte Diskussion um die urbane Entwicklung der luwischen und aramäischen Stadtstaaten (Mazzoni 1994; 2011; Novàk 2004; 2014) würde durch eine genauere Klärung von Aussehen und Funktion der Anlage auf dem Gerçin Höyük mit Sicherheit wichtige neue Antworten finden.

Auf lokaler Ebene bietet der Gerçin Höyük einen Schlüssel zum Verständnis zur Entstehung und Entwicklung des luwisch-aramäischen Königtums und Stadtstaates von Sam’al (Bît Gabbar). Noch ist die Frage, wann es genau zur Gründung der Stadtanlage von Sam’al kam, unbeantwortet. Gemeinhin wird von einer aramäischen Neugründung ausgegangen, die sich laut schriftlicher und ikonographischer Zeugnisse um das 10. Jh. v. Chr. ereignete (Wartke 2005).

Die seit 2005 durchgeführten Neugrabungen des Oriental Instituts in Zincirli befassen sich intensiv mit dieser Frage (Schloen und Fink 2009), liefern jedoch bislang keine eindeutigen Ergebnisse. Wohl weisen die neuen Grabungsergebnisse in den Tiefschnitten am Burgberg auf bronzezeitliche Siedlungsvorläufer, ohne dass jedoch eine durchgehende Sequenz im Übergang von Bronze- zur Eisenzeit hätte nachgewiesen werden können. Wann die Bauaktivitäten einsetzten, die zum Aussehen der eisenzeitlichen Stadtanlage führten, und ob diese tatsächlich mit der Ankunft der Aramäer in diesem Gebiet gleichzusetzen ist, konnte auch nicht durch die Nachgrabungen an den bereits von deutschen Archäologen freigelegten Bauwerken der Ober- und Unterstadt von Zincirli geklärt werden (Pucci 2015).

Neue Untersuchungen auf dem Gerçin Höyük eröffnen daher eine Reihe von Optionen, die auch für die Interpretation der Stadtgeschichte von Sam’al aufschlussreiche Folgen hätten:

Die Anlage könnte

a) älter sein als die Stadtgründung in Sam’al und damit ein (religiöser) Anziehungspunkt für die Wahl dieses Ortes gewesen sein,

b) parallel zur Gründung von Sam’al als außergewöhnliches identitätsstiftendes und raummarkierendes Monument der neuen herrschenden Dynastie errichtet oder

c) erst später als besonders ambitioniertes Projekt eines einzelnen Herrschers, namentlich Panamuwas am Ende des 9. Jhs. v. Chr. dem Stadtstaat hinzugefügt worden sein.

Hadad Statue von Gerçin Höyük (von Luschan 1893: Taf. 7)

Trotz dieser für die Forschung offensichtlich regionalen und überregionalen Bedeutung wurde der Gerçin Höyük seit der „Besuche“ im 19. Jahrhundert nicht mehr archäologisch untersucht. Über die baulichen Anlagen auf Gerçin ist daher der Wissensstand extrem gering: nach der Veröffentlichung der Hadad Statue, ihrer Inschrift und der Skizzen der anderen vier Statuen (von Luschan 1893), und nach der kurzen Beschreibung der Topographie der Siedlung durch Koldewey (Skizze wurde in Wartke 2005 veröffentlicht) haben Wissenschaftler einerseits die Inschrift und die Sprache analysiert (Sachau 1893; Tropper 1993; Niehr 1994; 2001) und andererseits das gesamte Monument in seiner kulturgeschichtlichen Bedeutung unter ikonographischen und ikonologischen Gesichtspunkten diskutiert (Voos 1988; Bonatz 2000; 2014). Der Zusammenhang zwischen der Hadad-Statue und den anderen vier Statuenfragmenten im Rahmen von Totenkultritualen wurde in zwei Artikeln von Herbert Niehr (2001; 2006) noch einmal kurz hervorgehoben. Allerdings verhindert der unsichere archäologische Kontext dieser Statuen sowie der Mangel archäologischer Ausgrabungen an dieser Stätte die Rekonstruktion der konkreten Bestattungsanlagen und damit in Verbindung stehender ritueller Handlungen.

Ahnenkult

Die wissenschaftliche Forschung zum Ahnenkult in der frühen Eisenzeit des nordsyrisch-südanatolischen Raums hat aufgezeigt, dass hierin ein wichtiges Identitätsinstrument der sowohl aramäischen als auch luwischen Dynastien und ihrer städtischen Eliten zu sehen ist (Niehr 1994; Bonatz 2000, Brown 2008; Gilibert 2011). Die rituelle Praxis des Ahnen- und Totenkultes ist hauptsächlich bekannt durch die ikonographische Analyse der Grabstelen, reliefierten Orthostaten und der stehenden Statuen auf den Zitadellen und durch einige Inschriften. Trotz des spektakulären Neufundes der Katumuwa-Stele in der Unterstadt von Zincirli, der erstmals die Aufstellung einer Totengedenkstele in ihrem ursprünglichen, als „Totenkapelle“ interpretierten Architekturkontext dokumentiert (Strubel und Herrmann 2009), bleibt bis heute weitgehend unbekannt, welche Beziehungen zwischen dem Ahnenkult und der Gräberstätte bestanden, wo sich die Nekropolen der Siedlungen befanden und wie sich die nachgewiesen enge Beziehung zwischen Ahnenkult und Götterkult auf die Konzeption monumentaler Kultanlagen auswirkte. Demzufolge stellt die Anlage auf dem Gerçin Höyük die einmalige Gelegenheit dar, Fragen der Entstehung und Entwicklung eines exponierten religiösen Ortes, an dem sich Götter-, Ahnen- und Begräbniskult konzeptionell vereinen, unter regionalen und überregionalen Gesichtspunkten gezielt und archäologisch zu behandeln. Das Projekt geht eindeutig von der Hypothese aus, dass sich in Gerçin ein, wahrscheinlich sogar der Haupttempel von Sam’al befunden hat und dass die Anlage von Königsgräbern an diesem Ort ein Resultat seiner sakralen Bedeutung ist.
Von 2011-2016 konnten Prof. Dominik Bonatz und Prof. Marina Pucci die jährlich fortschreitenden Raubgrabungen auf dem Gerçin Höyük dokumentieren. Die architektonischen Strukturen sowie die Zerstörungshorizonte, welche in den Profilen der Raubgrabungen sichtbar sind, sowie die Keramikscherben, welche in den Erdhaufen und in den Schnitten zurückgelassen wurden, zeigen an, dass der Ort bereits in der Frühen Bronzezeit und wahrscheinlich während der Späten Bronzezeit besiedelt war, seine größte Ausdehnung in der Eisenzeit erfuhr und schließlich auch noch in der hellenistischen Zeit genutzt wurde. Demzufolge könnte der an dieser Stelle vermutete eisenzeitliche Tempel auf eine längere Tradition zurückweisen. Darüber hinaus zeigt das Fragment einer monumentalen Sphinx-Skulptur, das 2011 in einem der Raubgrabungsschnitte gefunden wurde, dass nicht nur eine enge Verbindungen zu den fast identischen Sphingen-Basen aus Zincirli besteht, sondern auch dass an dieser Stelle mit einem der späten Baukunst in Sam’al sehr nahestehenden Repräsentationsbau zu rechnen ist.

Fragment einer Sphinx auf dem Gerçin Höyük. (© Gerçin Höyük Projekt)

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